Kaufmännisches Kontokorrentgeschäft als kombiniertes Kredit- und Dienstleistungsgeschäft

Welche Bedeutung hat das kaufmännische Kontokorrentgeschäft als kombiniertes Kredit- und Dienstleistungsgeschäft?

Die Verbindung des passiven wie auch des aktiven Kreditgeschäftes mit den Dienstleistungsgeschäften, besonders auf dem Gebiete des Zahlungsverkehrs, ergibt das für die Handelsbanken typische Kontokorrentgeschäft.

  1. Der Kreditorenkontokorrent

Die von den Banken im Passivgeschäft entgegengenommenen Gelder bezeichnet man als Depositen. Von Einzeldepositen ist dann die Rede, wenn es sich um einmalige Einlagen der Kunden handelt, die der Bank unverändert und in der Regel für längere Zeit zur Verfügung stehen. Diese Konten weisen keinen Verkehr auf. Einzeldepositen sind reine Kreditgeschäfte und dienen ausschließlich der Finanzierung des Aktivgeschäfts. Vom Ertragsstandpunkt aus gesehen, haben sie nur die Bedeutung von Zinsdifferenzgeschäften. Depositen in laufender Rechnung liegen dann vor, wenn die ursprüngliche Einlage des Bankkunden durch weitere Einzahlungen und Abhebungen verändert wird. Merkmal der Depositen in laufender Rechnung ist also, dass diese Konten einen Verkehr, das heißt Umsatz aufweisen. Der Umsatz auf diesen Konten rührt daher, dass der Bankkunde, gestützt auf sein Guthaben, die Dienstleistungen der Bank in Anspruch nimmt und die aus dem Dienstleistungsverkehr sich ergebenden Zu und Abnahmen seines Guthabens als Gutschriften und Belastungen auf dem Konto verrechnet werden. Im Gegensatz zu den Einzeldepositen haben die Depositen in laufender Rechnung nicht nur die Bedeutung von passiven Kreditgeschäften, die der Finanzierung des Aktivgeschäftes dienen und die Ertragsrechnung durch den Zinsdifferenzertrag beeinflussen; sie sind gleichzeitig Grundlage und Ausgangspunkt für die Dienstleistungsgeschäfte, besonders auf dem Gebiete des kaufmännischen Zahlungsverkehrs; sie beeinflussen somit die Ertragsrechnung auch in ihrer Eigenschaft als Kommissionsgeschäfte.

Eine kaufmännische Unternehmung schafft sich ein Guthaben auf einem Bankkontokorrent, nicht nur um vorübergehend verfügbare Mittel zinstragend anzulegen, sondern vor allem um einen Teil ihres Zahlungsverkehrs bargeldlos durch die Bank abwickeln zu können. In jedem Falle handelt es sich bei diesen sogenannten kaufmännischen Depositen um kurzfristige Gelder, über die der Kunde jederzeit frei verfügen kann. Diese Verfügungsfreiheit erkauft er sich allerdings dem Verzicht auf einen hohen Zins. Bei den Checkrechnungen vergütet die Bank keinen oder einen nur geringfügigen Zins, verzichtet dafür aber auf die Verrechnung einer Umsatzprovision und begnügt sich mit der Belastung ihrer Spesen für Porti, Telephone usw. Von größerer Bedeutung sind die viel häufiger angewandten Kreditorenrechnungen, bei denen die Bank etwas mehr Zins vergütet, dafür aber außer ihren Spesen eine Umsatzprovision belastet. Die besonderen Bedingungen für die Führung einer Check- oder Kreditorenrechnung (Verzinsung, Provisionsberechnung) werden im Einzelfall zwischen der Bank und dem Kunden vereinbart und im Kontokorrentvertrag festgelegt. Bei einem durchschnittlich bescheidenen Guthaben, aber grossem Umsatz wäre dem Kunden mit einem Checkkonto am besten gedient; bei einem höheren Durchschnittssaldo und geringerem Verkehr ist das Kreditorenkonto vorteilhafter.

Die Checkrechnungen und Kreditorenrechnungen (in den Bilanzen als Kreditoren auf Sicht bezeichnet) machen bei den Handelsbanken mehr als die Hälfte des gesamten Fremdkapitals aus und geben einer Bank das Gepräge als Handelsbank. Das hervorstechendste Merkmal dieses Fremdkapitals, die Kurzfristigkeit, übt einen bestimmenden Einfluss auf die Verwendung dieses Kapitals im Aktivgeschäft aus. Aus Gründen der Liquidität darf die Handelsbank solche Mittel nur für kurzfristige Aktivgeschäfte verwenden.

  1. Der Debitorenkontokorrent

Das Debitorengeschäft besteht in der Kreditgewährung an kaufmännische Unternehmungen, in geringerem Umfange auch an öffentlich-rechtliche Körperschaften. Auch beim Debitorenkontokorrent handelt es sich um die für das kaufmännische Kontokorrentgeschäft typische Verbindung von Kreditgeschäft und Dienstleistungsgeschäft. Die von der Bank an kaufmännische Unternehmungen gewährten Kredite sind:

a) Unbefristete Kontokorrentkredite, die durch Kündigung rückzahlbar werden. Wenn der Kontokorrentvertrag keine andere Frist vorsieht, gilt die gesetzliche Kündigungsfrist von sechs Wochen. Die ungedeckten Kredite bezeichnet man als Blankokredite. Sie werden gewöhnlich vorübergehend von solchen Firmen als sogenannte Saisonkredite beansprucht, deren Kapitalbedarf im Laufe des Jahres grossen Schwankungen unterliegt. So benötigt beispielsweise eine Konservenfabrik während der Einkaufssaison sehr grosse Kapitalien. In dem Maße, als die Rohprodukte verarbeitet und verkauft werden, nimmt der Kapitalbedarf ab, und der Kredit kann sukzessive abgetragen werden. In solchen Fällen wechselt das Kreditverhältnis im Laufe des Jahres. Zur Zeit des grössten Kapitalbedarfs ist der Kunde Debitor, während der Zeit des geringsten Kapitalbedarfs dagegen Kreditor. Blankokredite kommen somit nur für Unternehmungen in Frage, die einen solchen Kredit nur während gewissen Zeiten benötigen und ihren temporären zusätzlichen Kapitalbedarf aus Rentabilitätsgründen nicht durch Eigenkapital oder langfristiges Fremdkapital decken; diese zusätzlichen Kapitalien würden während längerer Zeit im Jahre brachliegen und wären ertraglos. Noch größere Bedeutung als die Blankokredite haben die gedeckten Kredite, die in den meisten Fällen als Dauerkredite, das heisst langfristig beansprucht werden. Gedeckte Kredite sind entweder durch Pfand (Faustpfand oder Grundpfand) oder durch Bürgschaft gesichert. Als Sicherstellung für die durch Faustpfand gedeckten Kredite kommen vor allem Wertpapiere und Waren in Frage. Zu den pfandgesicherten Krediten sind auch die sogenannten Zessionskredite zu rechnen, obwohl es sich rechtlich nicht um eine Pfandbestellung, sondern um eine Eigentumsübertragung handelt. Der Schuldner zediert der Bank Kundenguthaben. Bei der stillen Zession werden die Schuldner des Bankkunden nicht verständigt; der Bankkunde muss aber die bei ihm eingehenden Zahlungen auf die zedierten Fakturen laufend der Bank überweisen. Bei der offenen Zession werden die Schuldner des zedierenden Bankkunden davon verständigt, dass sie rechtsgültig und schuldbefreiend nur noch an die Bank ihres Lieferanten zahlen dürfen. — Die durch Bürgschaft gedeckten Kredite sind im kaufmännischen Verkehr weniger gebräuchlich als die durch Faustpfand gesicherten, sogenannten Realkredite. Bei Bürgschaftskrediten beanspruchen die Banken in der Regel die Solidarhaftung von zwei Bürgen.

b) Die festen Vorschüsse, die als befristete Darlehen für eine zum voraus bestimmte Zeit (bis zu sechs Monaten) gewährt werden, sind viel weniger gebräuchlich als die unbefristeten Kontokorrentkredite. Gewährung von festen Darlehen gegen Faustpfand bezeichnet man als Lombardgeschäft. Eine besondere Form des Lombardgeschäfts bildet das Reportgeschäft, durch welches Börsenspekulanten, die ihre Terminengagements verlängern möchten, Kredit gewährt wird.


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