Bedeutung des Handel in der arbeitsteiligen Wirtschaft

Welche Bedeutung hat der Handel in der arbeitsteiligen Wirtschaft?

Die wachsende Bedeutung des Handels im Rahmen der Gesamtwirtschaft erklärt sich aus den gegensätzlichen Entwicklungstendenzen der beiden Pole unserer Wirtschaft, der Produktion und der Konsumtion. Die Konsumtionsseite der Wirtschaft wird besonders von der kulturellen Entwicklung beeinflusst. Sie äussert sich wirtschaftlich gesehen nicht nur in einer mengenmässigen Steigerung, sondern vor allem auch in einer stetig zunehmenden Individualisierung des Bedarfes, in einer starken Differenzierung der Nachfrage. Die Produktionsseite dagegen zeigt die entgegengesetzte, in erster Linie durch die Technik beeinflusste Entwicklungstendenz. Zwar führt die starke Vermehrung und Aufsplitterung des Bedarfes zu einer entsprechenden art- und mengenmässigen Ausweitung der Gesamtproduktion. Für den einzelnen Betrieb aber ergibt sich aus dem marktmässig bedingten Zwang zur Produktivitätssteigerung die Notwendigkeit, sich durch Spezialisierung auf eine oder einige wenige Erzeugnisgruppen die Kostendegression der Massenproduktion zu sichern.

Diese Entwicklung zunehmende Differenzierung des Bedarfes und gleichzeitige Spezialisierung der Produktion führt dazu, dass der Konsument für seine Bedarfsdeckung auf die Leistungen einer immer größer werdenden Zahl von Produktionsbetrieben angewiesen ist. Anderseits vermag der einzelne Produzent nur noch einen ganz unbedeutenden Bruchteil des Bedarfes eines Konsumenten zu decken; er ist deswegen für den Absatz seiner spezialisierten Massenproduktion auf eine wesentlich grössere Zahl von Abnehmern und damit auf ein grösseres Absatzgebiet, in nicht wenigen Fällen auf den Weltmarkt, angewiesen.

Unter solchermassen erschwerten Verhältnissen die Verbindung zwischen Produzent und Konsument herzustellen ist die Aufgabe des Handels. Der Handel soll dem Produzenten den für seine spezialisierte Massenproduktion erforderlichen Absatzmarkt erschließen und dem Konsumenten die zur Deckung seines stark differenzierten Bedarfes erforderlichen Erzeugnisse einer Vielzahl von Produzenten zur Verfügung stellen.

Was für die letzte Phase des Wirtschaftsablaufs — die Vermittlung zwischen dem Enderzeuger und dem Verbraucher — gesagt wurde, gilt sinngemäss auch für die früheren Stufen des Wirtschaftsprozesses. Die Naturschätze sind ganz ungleichmässig auf der Erdoberfläche verteilt. Die produktionswirtschaftliche Leistung der Gewinnung und ersten Aufbereitung der Naturschätze bedarf deshalb der Ergänzung durch die nicht minder wichtige handelswirtschaftliche Leistung des mengenmässigen und räumlichen Ausgleichs zwischen Naturvorkommen und Bedarf. Der Weg vom Naturprodukt bis zum fertigen Erzeugnis führt über eine Reihe von Produktionsstufen. Für alle an der Erzeugung der Zwischenprodukte und Fertigerzeugnisse beteiligten Produktionsbetriebe stellt sich sowohl das Beschaffungs als auch das Absatzproblem. Jedem der an der Produktion beteiligten Betriebe muss die Deckung eines sehr differenzierten, dem Fabrikationsprogramm und verfahren entsprechenden Bedarfs an Produktionsmitteln gesichert und der Absatz einer hochspezialisierten Produktion ermöglicht werden. Auch hier wird also die produktionswirt-schaftliche Leistung der Gütererzeugung nur dann möglich und sinnvoll, wenn sie durch die handelswirtschaftliche Leistung ergänzt wird. Unsere heutige arbeitsteilige Marktwirtschaft ist ohne Handel nicht denkbar. Jede wirtschaftliche Tätigkeit dient letzten Endes der Bedürfnisbefriedigung Die Produktion ist nur dann sinnvoll, wenn die für den Bedarf anderer, für den Markt hergestellten Güter in den Dienst der Bedürfnisbefriedigung gestellt, also dem Konsum zugeführt werden.