Warenbörsen

Die Warenbörse ist wie die Effektenbörse ein Markt für vertretbare Waren. Da aber bei den Welthandelsgütern, die für den Handel an der Warenbörse in Frage kommen, die Eigenschaft der Vertretbarkeit, der Fungibilität, nicht so vollkommen gegeben ist wie bei den Effekten, behilft sich die Warenbörse mit der Typisierung. Für ein bestimmtes Produkt, das in mehreren Qualitätsabstufungen vorkommt, schafft man börsenmässige Typenbenennungen. Jede dieser Bezeichnungen charakterisiert einen ganz bestimmten Qualitätstyp der betreffenden Ware. Für den börsenmässigen Handel eignen sich solche Welthandelsgüter, die als wenig differenzierte Rohprodukte verhältnismässig wenige Qualitätsabstufungen aufweisen und deswegen eine Typisierung gestatten. Zu den Waren, die eine solche Typisierung zulassen und zudem in so grossen Mengen produziert und gehandelt warden, dass sich die Bildung zentraler Weltmärkte in der Form von Warenbörsen aufdrängt, gehören u.a. Baumwolle, Getreide, Kaffee, Zucker, Rohgummi, Kupfer. Im Interesse einer raschen und sicheren Geschäftsabwicklung wird der Börsenverkehr durch die strikte Einhaltung von strengen Usanzen bis in alle Einzelheiten für alle Transaktionen schablonisiert. Die Schablonisierung bezieht sich sogar auf die Verwendung einheitlicher Kontraktformulare, so dass für alle Abschlüsse die gleichen einheitlichen Bedingungen gelten und die Parteien sich nur noch über den Warentyp, die Anzahl der Schlusseinheiten (Schluss = Mindestmenge) und den Preis einigen müssen. Als Zentralmärkte erleichtern die grossen Warenbörsen den örtlichen und zeitlichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage für die Welthandelsgüter. Das gilt vor allem für die Ernteerzeugnisse, deren Produktion sich auf wenige Haupterzeugungsgebiete beschränkt und nur periodisch, dann aber in größten Mengen anfällt, während sich der Verbrauch über die ganze Erde und gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt. Für diese Produkte ist auch die Börsenfunktion der raschen und zuverlässigen Preisbildung und des Preisausgleichs auf internationalem Gebiet von größter Bedeutung. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass Umfang und Qualität des künftigen Angebots wegen der Abhängigkeit der Ernte von klimatischen Einflüssen im besten Falle mit einiger Wahrscheinlichkeit geschätzt, aber niemals genau bestimmt werden kann.

1. Geschäftsabschlüsse, die sich auf die effektive Lieferung konkreter Ware beziehen, bezeichnet man als Effektivgeschäfte. Weil es hierbei immer um die tatsächliche Lieferung der gehandelten Ware geht, bezeichnet man solche Transaktionen auch als Lieferungsgeschäfte. Effektivgeschäfte dienen der eigentlichen Warenvermittlung; und im Rahmen der abgeschlossenen Effektivgeschäfte ist die Warenbörse ausschließlich Beschaffungs- und Absatzmarkt. Neben den sogenannten Lokogeschäften, bei denen die Ware ein bis zwei Tage nach Abschluss abzuliefern ist, werden Effektivgeschäfte auch für rollende oder schwimmende, das heißt bereits verladene, unterwegs befindliche Ware abgeschlossen. Es kann auch spätere Lieferung vereinbart werden, so dass Effektivgeschäfte auch für noch nicht geerntete Waren möglich sind.

2. Von einem Termingeschäft ist dann die Rede, wenn an Stelle effektiver Ware sogenannte Terminkontrakte (engl. „Futures“) gehandelt werden. Ein Terminkontrakt verkörpert den Rechtsanspruch auf die im Dokument erwähnte Ware in der durch die Typenbezeichnung festgehaltenen Qualität und in der durch die Börsenusanz für einen Geschäftsabschluss vorgesehenen Quantität. Alle Terminkontrakte lauten einheitlich auf einen bestimmten Standardqualitätstyp. Der Kontrakt sieht aber vor, dass trotzdem Ware eines besseren oder schlechteren Typs (jedoch nicht unter der usanzmässig zulässigen Mindestqualität) angedient werden darf in der Meinung, dass der Mehr- oder Minderwert der gelieferten Ware gegenüber dem Standardtyp des Kontrakts zwischen Käufer und Verkäufer verrechnet werden solle. Die nach Börsenusanz einem Geschäftsabschluss zugrunde liegende Mindestmenge bezeichnet man als Schlusseinheit; ein Kontrakt bezieht sich immer auf eine solche Schlusseinheit, zum Beispiel 100 Ballen Baumwolle. Der Käufer eines Terminkontrakts hat das Recht, im Fälligkeitsmonat die Lieferung zu verlangen; wie auch dem Verkäufer selbstverständlich das Recht zusteht, im Fälligkeitsmonat die Ware „anzudienen“, das heisst darauf zu bestehen, dass der Präsentant des Kontrakts die Ware abnimmt. Die Erfüllung der Terminkontrakte wird in der Weise gesichert, dass (im Gegensatz zum Effektivgeschäft) die der Börse angeschlossene Liquidationskasse sich als Selbstkontrahent zwischen die Parteien einschiebt und damit die Haftung für richtige und termingerechte Erfüllung übernimmt: sie kauft vom Verkäufer und verkauft gleichzeitig an den Käufer. Die Liquidationskasse schliesst grundsätzlich nur Doppelgeschäfte ab, das heisst gleichzeitig einen Kauf und einen Verkauf.

a) Der Terminkontrakt als Instrument der Warenvermittlung. Der Verkäufer eines Terminkontrakts, der durch effektive Warenlieferung erfüllen will, zeigt dem Käufer an einem beliebigen Tag des Erfüllungsmonats durch einen sogenannten Kündigungsschein die Lieferung an. Hat der erste Kaäufer den Kontrakt weiterverkauft, so ist der Kündigungsschein an den letzten Erwerber weiterzuleiten, der seinen Dispositionsvermerk darauf anbringt und ihn dann dem Verkäufer zurückgibt, in dem Umfange, als Terminkontrakte in der eben beschriebenen Weise durch Lieferung und Abnahme der Ware erfüllt werden, dient auch der Terminmarkt als Beschaffungs- und Absatzmarkt der eigentlichen Warenvermittlung.

b) Der Terminkontrakt als Preissicherungsmittel. Der Wortlaut des Kontrakts sieht die tatsächliche Erfüllung durch Lieferung und Abnahme der Ware vor; sie wird aber nur in seltenen Fällen von den Vertragsparteien gefordert. In der Regel wird der Verkäufer seine Terminposition (Lieferungsverpflichtung) nicht durch Andienung der Ware ausgleichen, sondern in der Weise, dass er vor Beginn des Liefermonats einen analogen Terminkontrakt kauft und damit durch Kompensation seine Position ausgleicht. Ebenso wird der Käufer den Terminkontrakt nicht durch Anforderung der Ware, sondern durch den Verkauf eines analogen Kontrakts liquidieren. Eine Kompensierung von Käufen und Verkäufen von Kontrakten ist deswegen möglich, weil alle Terminkontrakte einheitlich auf die gleiche Mittelqualität der betreffenden Ware und auf die gleiche Menge lauten. Die Kontrakte unterscheiden sich lediglich noch in den Preisen, so dass bei einer Kompensierung nur noch Preisdifferenzen auszugleichen sind. Die Überwachung des Preisausgleichs besorgt die Liquidationskasse (Clearinghouse). In dieser zweiten Abwicklungsform (Liquidation des Kontrakts durch Kompensation) dient der Terminkontrakt dem Grosshandel als unerlässliches Preissicherungsmittel im sogenannten Hedgegeschäft. Die Preissicherung mit Hilfe des Hedgegeschäftes ist bei den Ernteprodukten von größter Wichtigkeit, weil diese Stapelartikel infolge der zeitlichen und mengenmäßigen Divergenzen zwischen Ernte und Verbrauch großen Preisschwankungen unterliegen.

c) Der Terminkontrakt als Spekulationsobjekt. Werden Terminkontrakte ausschließlich in der Absicht gekauft, sie in einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Preise wieder zu verkaufen, so liegt eine Spekulation à la hause vor. Wer Terminkontrakte verkauft in der Annahme, sie später zu einem niedrigeren Kurse zurückkaufen zu können, spekuliert à la baisse. In beiden Fällen dient das Termingeschäft weder der eigentlichen Warenvermittlung noch der Preissicherung. Der Spekulant kauft und verkauft Terminkontrakte lediglich, um aus der von ihm erwarteten Kursentwicklung einen Gewinn zu erzielen. Solche Termingeschäfte haben mit dem eigentlichen Warenhandel nichts mehr zu tun.