Übersee- und Transithandel

Welche Bedeutung hat der Übersee- und Transithandel?

Einfuhr von Waren, Lagerung im Inland und Wiederausfuhr nach einem dritten Land ist Durchfuhrhandel oder uneigentlicher Transithandel. Transithandel in dieser Form hat für die Schweiz geringe Bedeutung; er kann sich nur an Orten entwickeln, die als grosse Umschlagsplätze und bedeutende Verkehrszentren mit ihren international anerkannten Warenbörsen und Auktionen die günstigsten Voraussetzungen hiefür bieten.

Grosse Bedeutung für die schweizerische Volkswirtschaft besitzt dagegen der eigentliche Transithandel, der darin besteht, dass in der Schweiz domizilierte Welthandelsfirmen den Warenaustausch zwischen fremden Ländern vermitteln. Die schweizerische Transithandelsfirma tätigt zwar den Kauf in einem Land und den Verkauf in einem anderen Land und befasst sich auch mit der Abwicklung des Zahlungsverkehrs; die Ware wird aber nicht über das Lager der Schweizer Firma genommen, sondern direkt dem Käufer geliefert.

Unerlässliche Voraussetzung für das Transitgeschäft ist, dass die Leiter eines solchen Unternehmens die Absatz- und vor allem die Beschaffungsmärkte aus eigener Erfahrung kennen und dass sich das schweizerische Stammhaus auf eine zuverlässige Einkaufsorganisation in den Beschaffungsländern und eine leistungsfähige Verkaufsorganisation in den Absatzländern stützen kann.

Der Einkauf überseeischer Rohprodukte erfordert Einkaufsniederlassungen in den wichtigsten Ausfuhrhäfen der Produktionsländer, die mit Hilfe von Agenturen im Innern des Landes einen möglichst engen Kontakt mit den Urproduzenten unterhalten. Die Aufbereitung der oft in unfertigem Zustand zu übernehmenden Urprodukte erfordert die Einrichtung eigener Faktoreien, die mitunter eigentliche Fabrikanlagen darstellen. In den Aufgabenkreis der überseeischen Filiale fällt auch die Beschaffung von Schiffsraum, die Verladung und Versicherung der Ware. Der Handel mit überseeischen Rohprodukten ist außerordentlich riskant. Um stets über disponible Ware zu verfügen, müssen leistungsfähige Handelshäuser eigene Lager in den Ausfuhrhäfen unterhalten. Auch bei sorgfältiger Warenauslese auf Grund des vom Stammhaus festgelegten Arbeitsprogramms sind die Lagerrisiken noch beträchtlich. Weitgehende Sicherungsmaßnahmen sind erforderlich, wenn zusätzliche Risiken dadurch entstehen, dass landwirtschaftliche Produkte schon im frühen Anbaustadium bevorschusst werden müssen. Am ausgeprägtesten sind im Überseehandel die Preisrisiken, die auch mit dem besten Informationsdienst und gründlicher Marktforschung nicht ausgeschaltet, sondern nur gemildert werden können. Besonders die Abschlüsse auf lange Termine und solche auf kommende, aber noch nicht eingebrachte Ernten erhöhen die Unsicherheit. Der Verkauf der überseeischen Produkte wird vom Stammhaus organisiert und teilweise von ihm selber durchgeführt. Die Absatzorganisation eines Überseehauses stützt sich auf eigene Niederlassungen in den verschiedenen Ländern und auf die Mitarbeit sachkundiger Vertreter in den großen Industriezentren.

Schweizerische Transithäuser unterhalten auch überseeische Verkaufsniederlassungen für den Verkauf von europäischen und amerikanischen Exportprodukten, vorwiegend Industrieerzeugnissen. Auch wenn in der Wahl der Artikel und der Lieferanten in erster Linie wirtschaftliche Überlegungen maßgebend sind, so räumt doch der schweizerische Transithandel den schweizerischen Exportprodukten eine Vorzugsstellung ein. Im Verkehr mit den Lieferanten geht die Tendenz auf die Übernahme fester Vertretungen mit möglichst langfristigen Bindungen. Für den Aufbau der Verkaufsorganisation in Übersee gibt es keine Normen. In einem Falle begnügt man sich mit der Importtätigkeit und der Zusammenarbeit mit dem einheimischen Grosshandel; in anderen Fällen verlangt die Bearbeitung des Absatzmarktes einen das ganze Land umspannenden Verkaufsapparat, der neben der Importtätigkeit auch die Funktion des Verteilungsgrosshandels ausübt. Ob ein Importlager unterhalten werden soll, entscheiden Usanz und Erfahrung.

Häufig stellen die Überseefilialen der schweizerischen Welthandelsfirmen kombinierte Einkaufs- und Verkaufsniederlassungen dar. Damit wird der Betrieb komplizierter, und die Anforderungen an die Organisation wachsen entsprechend. Diese Zusammenfassung ermöglicht aber eine rationellere Betriebsführung und eine bessere Ausnützung der Handelsorganisation in beiden Richtungen. Die starke Stellung, die sich ein Transithaus mit dem Einkauf von Landesprodukten in Übersee verschafft hat, kann beim Verkauf von Erzeugnissen der europäischen Industrie um so vorteilhafter ausgenützt werden, als der Einkauf in einem Umfang erfolgt, der den Bedarf der Schweiz übersteigt.