Produktionswirtschaftliche Eigenart der schweizerischen Exportwirtschaft

Worin besteht die produktionswirtschaftliche Eigenart der schweizerischen Exportwirtschaft?

Träger der Exportwirtschaft sind die Exportindustrie und der Exporthandel. Die produktionswirtschaftliche Aufgabe der Exportindustrie besteht darin, durch Qualität und Preis die Leistungsfähigkeit der Exportwirtschaft zu begründen, während dem Exporthandel die Aufgabe zufällt, mit Hilfe einer geeigneten Vertriebsorganisation den Weltmarkt zu erschliessen.

Der produktionswirtschaftliche Vorteil eigener, billiger Rohstoffe und der absatzwirtschaftliche Rückhalt eines grossen zollgeschützten Inlandmarktes sind die unerlässlichen Voraussetzungen für die Entwicklung einer auf Massenproduktion beruhenden Grossindustrie. In unserem Lande kann sich eine Industrie weder auf den einen noch auf den andern Vorteil stützen. Unsere Industrie, die ihre Rohstoffe fast ausnahmslos einführen muss, ist infolge der höheren Materialkosten schon auf dem nur wenig zollgeschützten Inlandmarkt, erst recht aber auf dem Auslandmarkte gegenüber der rohstoffmässig bessergestellten Auslandkonkurrenz stark benachteiligt. Von allem Anfang an hat dieser Nachteil die schweizerische Industrie gezwungen, sich auf hochwertige Erzeugnisse zu spezialisieren, bei denen die Qualitätsarbeit den ausschlaggebenden Anteil an den Produktionskosten hat und die ihrer Beschaffenheit und Qualität wegen schwer zu konkurrenzieren sind. Diese Spezialisierung auf hochwertige Erzeugnisse gibt der schweizerischen Industrie ihr besonderes Gepräge.

Spezialisierung zwingt zur Ausweitung des Absatzgebietes. Bei der Kleinheit des Inlandmarktes ist für die hochspezialisierte Industrie der Schweiz der Zugang zum Weltmarkt unausweichlicher Zwang. Spezialisierung führt zur Exportabhängigkeit und drängt nach Exportorientierung der Industrie. Während die rohstoffreichen Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrem beinahe unbeschränkt aufnahmefähigen Binnenmarkt nur 4—5 % ihrer nationalen Produktion im Ausland verkaufen müssen, ist die rohstoffarme Schweiz gezwungen, 35% ihrer industriellen Erzeugung zu exportieren. Die schweizerische Industrie ist ihrer ganzen Struktur gemäss eine ausgesprochene Exportindustrie, in deren Entwicklung sich die Notwendigkeit der fortwährenden Anpassung an die Veränderungen des Weltmarktes widerspiegelt.

Unter den Faktoren, die eine Strukturwandlung des Weltmarktes zur Folge hatten, dürfte wohl die Industrialisierung der Agrar- und Rohstoffländer den nachhaltigsten Einfluss auf die Entwicklung der schweizerischen Industrie ausgeübt haben. Der Industrialisierungsprozess in einem Agrarland beginnt in der Regel mit der Errichtung einer eigenen Nahrungsmittel- und Textilindustrie, die sich vorwiegend mit der Massenproduktion einfacherer Erzeugnisse befassen. Für die entsprechenden schweizerischen Konsumgüterindustrien bedeutet dies den endgültigen Wegfall des Exportes von Stapelartikeln und die Notwendigkeit der weiteren Spezialisierung auf hochwertige Erzeugnisse, um wenigstens für diese exportfähig zu bleiben. Von der marktzerstörenden Wirkung dieses Industrialisierungsprozesses wurden unsere Konsumgüterindustrien betroffen, vor allem die Nahrungsmittel- und die Textilindustrie. Die Industrialisierung hat aber auch markterschliessende Wirkung, deren Nutzniesser die Investitionsgüterindustrien sind. Der Ausbau der Industrie, des Transportwesens und der Elektrizitätswirtschaft führt zu einem starken Anstieg des Bedarfes an Produktions- oder Investitionsgütern. Die schweizerische Investitionsgüterindustrie vermochte sich mit Erfolg in diesen Prozess einzuschalten. Das Schwergewicht der schweizerischen Exportwirtschaft hat sich unter den erwähnten Einflüssen von den Konsumgüterindustrien auf die Investitionsgüterindustrien und innerhalb der Konsumgüterindustrien in noch stärkerem Masse als früher von den Stapelartikeln auf hochwertige Qualitätsware und ausgesprochene Spezialitäten verlagert.

Die gewaltigen Fortschritte der europäischen und nordamerikanischen Industrien und die Industrialisierung der Agrarländer bedeuten so lange keine Gefährdung der schweizerischen Exportindustrie, als ihr die fortwährende Anpassung an die veränderten Verhältnisse und Bedürfnisse des Weltmarktes gelingt. Diese Anpassung hat es ermöglicht, gerade die hochindustrialisierten Länder zu unseren besten Kunden zu machen. Unser intensiver Warenaustausch mit Westdeutschland und den Vereinigten Staaten zeigt deutlich, dass es auch eine Arbeitsteilung auf höherer Stufe gibt, dass nicht nur ein Austausch zwischen verschiedenartigen Erzeugnissen, sondern auch ein reger Handelsverkehr bei den Produkten mit gleichem Verwendungszweck möglich ist. Diese Erscheinung führt zu einer stärkeren wechselseitigen Durchdringung der Märkte. Der grosse Maschinenfabrikant und Teerfarbenproduzent Westdeutschland ist ein sehr guter Abnehmer unserer Maschinen- und unserer Teerfarbenindustrie.

Eines der kennzeichnenden Merkmale der schweizerischen Industrie ist die kleinbetriebliche Produktionsstruktur. Vor allem die Notwendigkeit der Spezialisierung setzte der Entwicklung von Grossbetrieben von allem Anfang an sehr enge Grenzen. In einzelnen Fällen verlangt zwar die Herstellung hochwertiger Spezialerzeugnisse mit Rücksicht auf die zur Fabrikation erforderlichen Grossanlagen, also aus verfahrenstechnischen Gründen, einen Fabrikationsapparat, der nicht mehr als Kleinbetrieb anzusprechen ist. Im grossen und ganzen aber kann eine „Spezialitätenindustrie“ die durch den Grossbetrieb gegebenen Vorteile der Kostendegression viel weniger ausnützen als eine auf billige Massenproduktion eingestellte Industrie. Spezialprodukte haben an sich einen viel beschränkteren Absatzmarkt; zudem kommt im Gegensatz zu den „Standardwaren“ der Massenproduktion bei Spezialerzeugnissen die Herstellung in grossen Mengen schon wegen der Gefahr der technischen Überholung, Änderungen in der Moderichtung und aus anderen Gründen gar nicht in Frage.

Ein weiteres Merkmal der schweizerischen Exportindustrie ist die heute auch in den Vereinigten Staaten unter der Bezeichnung „Diversification“ angestrebte Mannigfaltigkeit und Verschiedenartigkeit des Fabrikationsprogramms.

In dieser Eigenart — Beschränkung auf hochwertige Spezialprodukte, Vielgestaltigkeit des Fabrikationsprogramms, Vorwiegen des Mittel- und Kleinbetriebs — liegt die Stärke, aber auch die besondere Problematik der schweizerischen Exportwirtschaft.


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