Bewandtnis der Ausschaltungstendenz im Import- und Binnengrosshandel

Welche Bewandtnis hat es mit der Ausschaltungstendenz im Import- und Binnengrosshandel?

Mit zunehmender Spezialisierung der Produktion und fortschreitender Differenzierung des Bedarfs wird der Weg der Ware immer länger, der Wirtschaftsablauf komplizierter. Spezialisierung in Verbindung mit Massenherstellung verbilligt zwar die Produktion nach dem Gesetz der Kostendegression, verlangt aber zwangsläufig eine entsprechende Ausweitung des Absatzmarktes, stellt also erhöhte absatzwirtschaftliche Aufgaben. Die Produktionskosten haben sich stark verringert, die Verteilungskosten aber merklich erhöht. In nicht wenigen Fällen kostet es mehr, die Ware auf den Markt zu bringen, als sie herzustellen.

Aus dieser Entwicklung heraus ergibt sich immer dringlicher die Notwendigkeit der Verbilligung des Verteilungsprozesses. Diese Rationalisierungsbestrebungen äussern sich deutlich in der Ausschaltungstendenz im Grosshandel. Das Kernproblem der Ausschaltung besteht darin, den selbständigen Grosshandel überall dort zu eliminieren, wo seine Funktionen vom Produzenten und vom Detaillisten ebensogut aber billiger ausgeübt werden können. Nicht die Grosshandelsfunktionen, die ja unentbehrlich sind, sollen ausgeschaltet warden sondern die unwirtschaftlich arbeitenden Grosshandelsorgane, das heisst die in solchen Fällen gerne als „Zwischenhändler“ bezeichneten selbständigen Handelsunternehmungen. Die Existenz des selbständigen Grosshandels wird von den Produzenten und von den Detaillisten bedroht. Die Produzenten streben nach Direktverkauf und die Detaillisten nach Direkteinkauf, beide unter Umgehung des selbständigen Grosshandels. Die Ausschaltungsgefahr ist um so grösser, je geringer die Unterschiede zwischen dem Fabrikationsprogramm und dem Detaillistensortiment und je kleiner die Divergenzen zwischen Produktionsrhythmus und Bedarfsrhythmus sind.

Wenn der Produzent infolge der Breite seines Fabrikationsprogramms einen ansehnlichen Teil des Bedarfs der für seine Erzeugnisse in Frage kommenden Detaillisten zu befriedigen vermag, ist er für den Absatz seiner Produktion auf eine nicht allzu grosse Zahl von Detaillisten angewiesen, und die auszuführenden Aufträge sind so gross, dass sich die Direktbelieferung lohnt. In den Fällen, wo das Fabrikationsprogramm einem vollständigen Detailsortiment entspricht, geht der Produzent mitunter über die Ausschaltung des Grosshandels hinaus zur Selbstdetaillierung über (Schuhindustrie), nötigenfalls, indem er durch Ergänzung seines Fabrikationssortiments mit Hilfe zugekaufter „Handelsware“ sich das für die Selbstdetaillierung geeignete Sortiment schafft (Möbelindustrie, Schokoladeindustrie). Bei der Übersichtlichkeit des engbegrenzten Inlandmarktes besteht die Tendenz zur Ausschaltung des Grosshandels durch den Produzenten auch in weniger günstig gelagerten Fällen, vor allem in der Textil- und in der Nahrungsmittelindustrie. – Je spezialisierter das Fabrikationsprogramm und je vielgestaltiger das Detailhandelssortiment ist, desto stärker wird die Stellung des Grosshändlers gegenüber dem Produzenten. Das gilt beispielsweise für den Tabakhandel. Es ist den etwa 100 Tabakfabrikanten der Schweiz unmöglich, mit den über 60’000 Detaillisten aller Schattierungen direkt zu verkehren. Das Fabrikationsprogramm des einzelnen Produzenten ist zu spezialisiert und das Sortiment des Detaillisten zu aufgesplittert, als dass diese Divergenz im direkten Kontakt auf wirtschaftliche Weise überwunden werden könnte. Die Kosten des Direktvertriebes an die Detaillisten wären wesentlich höher als die dem Grosshändler zugestandene Marge. Ähnlich liegen die Verhältnisse in der Merceriebranche.

Eine ausgesprochene Inkongruenz zwischen Fabrikationsprogramm und Detaillistensortiment vermag den selbständigen Grosshandel weitgehend vor der Ausschaltung durch den Produzenten zu schützen, nicht aber vor der Übergehung durch den Detailhandel. Bei der Enge des Fabrikationsprogramms und der Breite des Detailsortiments ist zwar jeder Detaillist auf die Erzeugnisse sehr vieler Fabrikanten angewiesen, und die von jedem Produzenten zu beziehende Warenmenge ist so gering, dass der Direktbezug für den einzelnen Detaillisten unwirtschaftlich wäre. Im Gegensatz zu den Produzenten vermögen aber die Detaillisten diesen Nachteil zu überwinden, indem sie mit der Bildung von Einkaufsgemeinschaften den Bedarf einer grossen Zahl von Detaillisten zusammenfassen und damit die für eine wirtschaftliche Warenvermittlung erforderliche Grosshandelsfunktion der Verdichtung von Angebot und Nachfrage selber ausüben. Das trifft besonders für die Zweige zu, wo ein das ganze Jahr hindurch gleichmässig auftretender Bedarf in Bezug auf die Beschaffenheit der Ware keinen grossen Änderungen unterworfen ist und sich deswegen nach Art und Grösse ohne Schwierigkeiten auf längere Zeit hinaus zum voraus abschätzen lässt, so dass auch das Fabrikationsprogramm stabil gehalten werden kann. Die Grosshandelsfunktion der Überwindung der Spannung zwischen Produktion und Bedarf ist in solchen Fällen um so einfacher und darum um so leichter von den Einkaufsorganisationen des Detailhandels zu übernehmen, als die Detaillistensortimente unter sich nur wenig Unterschiede aufweisen. — Sobald aber der Bedarf nach Art und Menge starken Änderungen unterworfen ist und auch im zeitlichen Ablauf grossen Schwankungen unterliegt, etwa aus gesellschaftlich-kulturellen Gründen (Saisonbedart, Mode), wird die Spannung zwischen Produktion und Detaillistenbedarf beträchtlich grösser. Denn auch in den Fällen, wo der Bedarf grossen Änderungen und starken zeitlichen Schwankungen unterliegt, ist die Produktion aus Kostengründen an der Herstellung möglichst grosser Serien und gleichmässiger Beschäftigung interessiert. Wo diese Verhältnisse gegeben sind, verlangt die Ausübung der Grosshandelsfunktion ein auf umfassenden Fach- und Marktkenntnissen beruhendes zielsicheres und grosszügiges Vordisponieren und eine vollkommene Sortiments- und Lagerhaltung. Je unsicherer die Verhältnisse auf dem Absatzmärkte infolge der nur schwer vorauszusehenden Bedarfsgestaltung sind (Textilindustrie), desto riskanter werden die Grosshandelsfunktionen der Sortimentsbildung, der Lagerhaltung und des Vordisponierens. Die Ausschaltungsgefahr wird um so geringer sein, je bereitwilliger und erfolgreicher der selbständige Grosshandel die Risiken der erwähnten Funktionen zu übernehmen gewillt ist, indem er durch frühzeitiges und umfassendes Vordisponieren dem Fabrikanten eine rationelle Produktion ermöglicht und dem Detaillisten mit einem umfassenden Sortiment und einem hinreichenden Lager die vollständige und kurzfristige Bedarfsdeckung gestattet.